Ich bin typisch deutsch 

Ich ärgere mich immer darüber zu sagen, typisch deutsch, typisch französisch. Menschen kann man nicht verallgemeinern, man kann kein ganzes Volk unter einen Hut packen. Ich kann bezeugen, dass nicht jeder Franzose Baguette isst, ebenso wie nicht jeder Deutsche Bier trinkt. Nach sieben Monaten, die ich jetzt schon in Frankreich lebe, kann ich jedoch sagen, dass Franzosen irgendwie anders sind. In der Zwischenzeit verstehe ich sogar den Vorurteil, die Deutschen seien Spießig und ernst, sie… nein wir! würden viel zu sehr den alten Zeiten nachtrauern, haben Angst vor der Zukunft und vergessen dabei, dass wir JETZT leben. Wir wären viel zu pflichtbewusst und könnten den Moment nicht genießen, weil wir zu viel denken. So sehe ich Deutschland, nicht weil ich die deutsche Kultur nicht mag und auch nicht weil die Leute alle genau so sind, es bin ich, die so ist. Ich bin typisch deutsch.

Anfangs war ich schlichtweg überfordert mit den lauten, lebensfrohen Franzosen, die gerne mal einen Ricard zu viel trinken. Ich war es nicht gewohnt, mehrmals die Woche an einem gefüllten Tisch zu sitzen und dabei ein französisches Gericht zu essen. (Wer die Ausarbeitung der Mahlzeit überspringen will liest einfach im nächsten Abschnitt weiter) Mit französischem Gericht meine ich so etwas, wie Erdnüsse zum vertreiben des allerschlimmsten Hungers (so sehe ich das zumindest), ein Apéritif für die Geselligkeit, reden, lachen und zu guter letzt hungern. Die Hauptspeise kommt auf den Tisch, mir läuft das Wasser im Mund zusammen, aber niemand rührt sie an, warum auch? Man muss mir anmerken, dass ich Hunger habe, denn irgendwann wird dann doch das Essen verteilt, mit dem Kommentar „Sie hat ja auch gearbeitet“. Wein wird ausgeschenkt, aber der rote. Danach kommt der Käse, dann der Kaffee, dann der Schnaps in die Kaffeetasse, dann vielleicht noch Schokolade oder Kuchen und dann der sieste…
Genug der gewöhnungsbedürftigen Esskultur, weiter zur Arbeit. Denn die wird in dem Umfeld in dem ich mich befinde nicht dauernd kritisiert, jeder ist irgendwie zufrieden und wenn nicht dann ist das auch nicht so schlimm. Selbst der Tag der Arbeit ist kein Tag sondern ein Fest „fête du travail“.

Natürlich ist das alles nicht ganz so rosig und heile-Welt-dingens wie das jetzt rüberkommen mag, es ist einfach mein Eindruck vom Leben hier auf dem Hof zwischen all den verrückten Menschen und Tieren, die mir so viel lebendiger erscheinen, mit höheren Hochs und tieferen Tiefs. 

Ich glaube wir sollten viele Dinge einfach ein bisschen lockerer und weniger streng sehen (zumindest gilt das für mich).

  Der Liedtext passt irgendwie zu mir: stressed out